Besuch auf der ANDECHS - Parkseeskipper V2

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Besuch auf der ANDECHS

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Ein bekannter Satz besagt, dass es manchmal anders kommt, als man denkt. Nach dem Besuch des Museums Starnberg Mitte dieses Jahres waren einige Parkseeskipper von den dort ausgestellten und akribisch vom Modellbauer Toni Happach erstellten Modelle historischer Raddampfer auf dem Starnberger See fasziniert. 
Inzwischen haben einige unter uns damit begonnen, nach historischen Unterlagen zu den Originalen der ausgestellten Raddampfer- Modelle zu suchen, wobei sich diese Suche nicht ganz einfach gestaltet. Aktuell sind wir - nach vielen Irrungen und Wirrungen - beim Bayerischen Staatsarchiv angelangt und warten auf Nachricht von dort.
Zur Überbrückung und rein zufällig gelangten wir durch Internet-Recherche auf ein ebenfalls historisches "Fossil", das sich seit 113 Jahren auf dem Ammersee befindet, ohne diesen jemals verlassen zu haben. 
Es handelt sich um den historischen Raddampfer namens "ANDECHS", der mit seiner Namensgebung an das 1455 gegründete Kloster auf dem "Heiligen Berg" , hoch über dem östlichen Ammersee-Ufer thronende Bauwerk samt Kirche der Benediktiner-Mönche erinnert. 
Heute ist Andechs leider fast nur noch Synonym für sehr stark eingebrautes, dunkles Bier der dortigen Brauerei. Aber das ist eine andere Geschichte...

Bei der Suche nach der Geschichte des Raddampfers gelangten wir auf eine Website, die von der Bayerischen Seglervereinigung e. V. in Utting am Ammersee betrieben wird. 
Siehe da- die ANDECHS taucht dort in Bild und Historie auf, denn sie wird von dem Verein als Clubheim genutzt, erhalten und gepflegt. Leider ist das historische Schiff bereits seiner wesentlichen Anlagen, der Dampfmaschine, der Schaufelräder und der dazu gehörenden Verkleidung beraubt. Gründe dafür liegen in der (gewollten) Betriebsunfähigkeit, aber auch in der entfallenden Notwendigkeit, diese Aggregate im "Dauerlauf" funktionsfähig zu erhalten. Die stetige Instandhaltung und Reparatur, wozu auch immer wieder Liegeaufenthalte in der Werft in Stegen gehören, erfordert erhebliche finanzielle Aufwendungen, die der Verein nur unter größten Anstrengungen leisten kann.
Zunächst etwas zur Geschichte des Raddampfers, übernommen aus de.wikipedia.org (kursiv als Quellenangabe gekennzeichnet):
Der von der Firma J. A. Maffei in München in Teilen angefertigte Königlich Bayerische Schaufelraddampfer wurden in der Werft Stegen am Ammersee zusammengebaut und nach dem berühmten Kloster Andechs benannt. Der Stapellauf erfolgte am 25. Juli 1907. Im Jahr 1920 übernahm die Reichsbahndirektion den Betrieb der Staatlichen Schifffahrt und den Personenverkehr auf dem Ammersee. Familienrundfahrten waren beliebte Ausflugsziele.
Während des Zweiten Weltkriegs fuhren die Schiffe auch im Winter. Sie waren teilweise die einzige Verbindungsmöglichkeit zwischen West- und Ostufer. Im April 1945 musste die Andechs nach Holzhausen an den Dampfersteg verlegt werden, um einer Bombardierung auszuweichen. Dort demolierten nach Kriegsende die Besatzungssoldaten den Dampfer, sodass er auf Grund ging. Im September 1945 wurde die leck geschlagene Andechs von ihrem Schwesterschiff Diessen nach Stegen in den Heimathafen geschleppt.
Am 12. Mai 1946 erfolgte die Freigabe der Schifffahrt für den zivilen Verkehr. Zuständig war das Verkehrs- und Wirtschaftsministerium für die öffentlich dringend benötigten Verkehrsmittel. Der Straßenverkehr hatte noch keine Bedeutung erlangt. Im Laufe der Zeit wurden die Sicherheitsvorschriften strenger. Da ein notwendig gewordener neuer Kessel zu teuer war und sich außerdem immer weniger Heizer fanden, um täglich bis zu 1,5 Tonnen Kohle zu verschüren, wurde der Dampfer 1955 vom TÜV stillgelegt. Er wurde von der Bayrischen Seglervereinigung e.V., die damals auf Suche nach einem neuen Standort war, gekauft und so vor der Verschrottung gerettet. Der Kaufvertrag ist datiert zum 13. April 1956, der Kaufpreis betrug 8.000 DM. Die Firma Südmetall Stuttgart erwarb die Dampfmaschine zu einem Verschrottungspreis von DM 3.000. Die Abteilung Sport des Innenministeriums gewährte einen Zuschuss von DM 5.000 zum Kauf. Am 13. März 1956 bewilligte die Schlösser- und Seenverwaltung München einen Dauerliegeplatz in Utting vor dem „Hexenhäusl“.

Die Andechs wird seither als Vereinsheim und Hafen durch die BSV genutzt. Sie wird alle zehn Jahre im Trockendock der Werft Stegen überholt, um das schwimmende Denkmal zu erhalten.

Nach Kontaktaufnahme zur BSV konnte ein Besichtigungstermin des "Oldtimers" vereinbart werden und so standen am Freitag, 11. September 2020 fünf interessierte Parkseeskipper auf dem Schiff. Die Führung übernahm der Hafenmeister des Vereins, Herr Mark Vorderwülbecke. Nach dem Eintreffen im "Freizeitgelände Utting" nahm uns Herr V. freundlich in Empfang und führte uns über den langen, und wie wir erfahren haben, 2019 vollständig erneuerten Steg vom Seeufer bis zur ANDECHS. Leider ist der Dampfer durch die Demontage des Schaufelradantriebs und der nur noch in Spuren vorhandenen Rudimente der ehemals vorhandenen Räder etwas gehandicapt. Dennoch zeigen bereits diverse äußere Eindrücke, mit welch einfachen Mitteln das Schiff damals auf dem See gesteuert wurde: Ein kombinierter Ketten- und Seilzug bediente während der aktiven Zeit äusserlich gut sichtbar im Heckbereich die Ruderanlage. Die Fortführung der Kettensteuerung bis zum Steuerhaus ist dann im Inneren des Schiffes ebenfalls sehr gut zu sehen. Einfach, funktionell und deshalb unabhängig von Strom oder elektronischer Verarbeitung...
Wir kraxelten die Leiter zwischen Steg und Schiff hinauf und fühlten uns an Deck sofort in die alten Zeiten zurück versetzt. Holzbelag überall an Deck, heute verblichen und grau, ehemals wohl in typischen warmen Holzfarben verbaut. Ein zierliches Heck mit schattiger Überdachung und weiß lackierten Sitzbänken/Tischen garantierten den Fahrgästen auch in heißen Sommermonaten einen angenehmen Aufenthalt. Die Aufbauten sind sehr einfach gehalten, ein Oberdeck und darauf dann eine dort installierte, einfach gehaltene "Brücke", die eigentlich nur aus einen etwa drei Quadratmeter messenden "Häuschen" mit großem Steuerrad und Ablageflächen besteht. Zu aktiven Betriebszeiten dürften hier noch Kommandoansagen zum Maschinenraum durchgegeben worden sein, leider ist davon nichts mehr zu sehen.
Unter Deck durften wir den "Salon" betrachten, ein mit blauen Lederpolstern und eleganten Tischen bestückter Raum, in dem sich auch eine kolorierte Zeichnung des Schiffes zu Zeiten seines aktiven Betriebs befindet. Originale Lampen (heute mit LED betrieben) sind ebenfalls noch für die Beleuchtung vorhanden. In der Schiffsmitte befinden sich heute Schulungsräume für die Segler, die sich beim BSV eingefunden haben, seien es die Vereinsmitglieder oder Segelaspiranten, die die Kunst des Segelns erst noch erlernen möchten.
Die "Unterwelt" konnten wir ebenfalls besichtigen, den ehemaligen Maschinenraum, heute Werkstatt, Lager- und Arbeitsräume, Material- und Nebenräume. Das alte Schiff wurde schon vor langer Zeit um seine Dampfmaschine erleichtert - einerseits sehr schade für das Kennenlernen durch die Nachwelt, andererseits verständlich, denn die Kosten der Wartung wären wohl nicht zu unterschätzen gewesen. An manchen Teilen ist ersichtlich, dass der Zahn der Zeit auch an der ANDECHS nagt. Wie bei Gebäuden auch, ist das Schiff durch Wasser, Wind und Wetter einem stetigen Verschleiß ausgesetzt, der nur mit großem persönlichen Einsatz der Vereinsmitglieder und durch finanzielle Unterstützung einigermaßen in Schach gehalten werden kann.
Die Führung durch das zierlich gebaute Schiff brachte interessante Einblicke in den damaligen Schiffbau und die verwendeten Materialien, aber auch in die Notwendigkeit, derartige industrielle und ideelle Denkmäler für die Nachwelt zu erhalten.
Wir bedanken uns beim Hafenmeister, Herrn Vorderwülbecke für seine Führung und seine Geduld bei unseren Fragen, aber auch beim Vorsitzenden des Vereins, Herrn Keppler, für die angebotene Besichtigungstour und wünschen dem Seglerverein weiterhin erfolgreiche Arbeit für die kommenden Jahre und der ANDECHS, dass sie viele weitere Jahre unter der Pflege der BSV am Steg im Freizheitgelände Utting am Ammersee verbringen möge.
Eine Bildergalerie ist diesem kleinen Bericht angehängt. 
Viel Spaß!
 
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